Häufig gestellte Fragen

 

Der spannendste Bereich vieler Websites sind für mich die „FAQs“, die „häufig gestellten Fragen“. Dort treffen Anspruch und Wirklichkeit von beiden Seiten wechselseitig aufeinander.

 

Auch mir wurden in meiner Tätigkeit als Kantor seit 1996 viele Fragen immer wieder einmal gestellt, von verschiedenen Menschen an verschiedenen Orten mehr oder weniger gleichlautend. Einige Antworten, die mir aus langjährigem Bewegen dieser Fragen erwachsen sind, habe ich hier zusammengestellt.

 

Muss ein Gemeindechor nicht eigentlich jeden nehmen?

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Dieser Glaubenssatz begegnet mir auf Schritt und Tritt. Oft wird mit „Gemeindechor“ dabei ein offenes Ensemble gemeint, womöglich mit niedrigschwelligem Charakter, auf jeden Fall aber mit einseitigem Teilnahmewahlrecht auf Seiten der Chormitglieder und lebenslanger Teilnahmegarantie aufgrund der sozialen Funktion des Chores (an den Chorleiter ergeht der Auftrag, daraus das Beste zu machen, jeden ihm gebotenen Ton mit einem motivierenden Lächeln hinzunehmen und möglichst natürlich dennoch große Aufführungen bekannter Chorwerke anzustreben). Meine Definition ist aber anders: Ein Gemeindechor ist ein Chor, der von einer Gemeinde betrieben wird, um der Gemeinde durch die Erfüllung bestimmter Aufgaben zu dienen – insbesondere durch die reiche Gestaltung von Gottesdiensten und die Pflege der kirchlichen Gesangskultur über das gewöhnliche Maß der Sonntagsgemeinde hinaus. Ein Gemeindechor ist also innerhalb der Gemeinde in modernem Deutsch gesprochen das „Kompetenzzentrum für gottesdienstlichen Gesang“.

 

Ja, Singen braucht Kompetenz. Es ist unsere Aufgabe als Kirchenmusikpädagogen, diese Kompetenz kenntnisreich und leidenschaftlich zu entwickeln. Dafür müssen wir unser ganzes Können und nahezu unendliche Geduld in die Waagschale werfen. Aber wir sind keine Zauberer. Bei vielen heute sangeswilligen Erwachsenen hätte man viel früher kompetent musikpädagogisch handeln müssen. Das tut mir als Musikpädagogen in der Seele weh. Aber ich kann nicht alles kompensieren, das ist eine leidvolle Erfahrung der letzten Jahre. Und als Musiker kann ich auch nicht unbegrenzt weghören. Gewisse Grundkompetenzen müssen darum selbst in meinem „Einsteigerchor“ mitgebracht werden. Es klingt hart und es ist hart: Keiner würde einen Analphabeten mit der Schriftlesung in einem Sonntagsgottesdienst beauftragen, etwa, weil der Gottesdienst eine soziale Funktion hat. Von uns Kantoren wird etwas Analoges nicht selten erwartet. Eine grandiose (Selbst-) Überforderung unseres Berufsstandes.

 

Hat Kirchenmusik nicht auch eine wichtige soziale Funktion?

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Jeder Chor hat auch eine soziale Dimension – das ist aber etwas Anderes als die Funktionalisierung von Musik. Wenn Menschen gemeinsam intensiv Musik erleben, dann entstehen persönliche Bindungen und eine Art von Chorgemeinschaft – und das ist auch gut so. Dennoch bleiben wir dabei zuerst Musiker – unsere Kraft schöpfen wir aus der Musik und nicht aus dem gemeinsamen Bier hinterher. Die Gemeinschaft darf also nicht zum Selbstzweck werden und aus dem Chor kein „singender Freundeskreis“. Ein Chor ist  Gemeinschaft nicht für sich, sondern auf das gemeinsamere Größere hin: die Musik. Bei den meisten Chören, die das nicht beherzigen, nehme ich früher oder später Verkrustungs- und Verfallserscheinungen wahr. Und zwar nicht nur musikalisch, sondern gerade auch sozial. Eine Gruppe, die auf sich selbst bezogen ist, kann andere nicht mehr faszinieren. Die Folgen – gemeinsames Altern, Ausbleiben neuer Mitglieder, Nachlassen der Qualität – kann man derzeit überall bei Chören beobachten.

 

Muss ich eigentlich glauben, was ich singe?

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Glauben lässt sich modernen Menschen nicht mehr verordnen – Gott seis getrommelt und gepfiffen. Aber: Wer in meinen Chören singt, lässt sich überwiegend auf geistliche Musik ein. Deren Komponisten haben durchaus nicht alle aus tiefstem Glauben heraus geschrieben. Sie haben aber meistens Ihr Bestes gegeben, um die große Glaubensaussage der geistlichen Texte zum Klingen zu bringen. Und das will bei Genies wie Bach, Mozart, oder Brahms etwas heißen. Dabei sind Werke entstanden, die kaum einen kalt lassen. Jedenfalls ist das mein Ziel. Große Partituren sind für mich wie geronnener heiliger Geist. Wer sie sich erarbeitet und in sich aufnimmt, mit dem wird irgend etwas geschehen. Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedllich. Jeder muss dabei den Grad seiner Involvierung selbst bestimmen. Musik ist für mich kein Mittel der Mission. Diese Funktionalisierung hat sie in all ihrer Macht und Pracht nicht nötig.

 

Kommen die Menschen nicht eigentlich nur noch wegen der Musik in die Kirche?

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Das will ich nicht hoffen. Und bei uns in der Christianskirche trifft es gewiss nicht zu. Jedenfalls habe ich diese Frage oft außerhalb, aber niemals innerhalb unserer Gottesdienstgemeinde gehört. Dieses scheinbare Kompliment streichelt zwar unser Ego als Kantoren. Wenn es so wäre, dann würde das aber über kurz oder lang die Grundlage unseres Tuns zerstören. Unbestreitbar gibt es eine Krise des Glaubens, vielleicht auch mancherorts eine Krise der Predigt. Es ist aber keine Lösung, die Kirche deswegen zu einem sozialen Dienstleister mit angehängtem Konzertsaal zu machen. Wir Kirchenmusiker sitzen mit allen Gliedern der Kirche im selben Boot. Und unser Auftrag ist nicht eigenständig, sondern abgeleitet. Kernaufgabe der Kirche ist es nach dem Augsburger Bekenntnis, das Evangelium rein zu predigen und die Sakramente zu verwalten. Kirchenmusik kann und muss in Zukunft dazu beitragen, dass dieses Anliegen viele Menschen erreicht. Für alles andere gibt es schöne Konzertsäle.

 

Soll die Gemeinde beim Orgelnachspiel nicht sitzenbleiben?

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Ich meine, an dieser Stelle ist der Gottesdienst zuende, der Segen ist gesprochen, die Gemeinde ist entlassen. Sich dann noch einmal hinzusetzen und besinnlicher oder lauter Musik zu lauschen (womöglich unter schöner Begleitmusik klimpernder Portemonnaies) – das ist so, als ob man nach einer gelungen Abendeinladung vom Gastgeber verabschiedet wird und sich dann im Flur alle noch einmal hinsetzen. Es gibt viele Gelegenheiten, im Gottesdienst inhaltlich wichtige Musik zu machen. Das Orgelnachspiel ist in meinen Augen eine Prozessionsmusik zum Geleit. Viele Mitglieder meiner Gemeinde sehen das anders. Darum bleibt unsere Gemeinde derzeit sitzen.

 

Soll man eine Johannespassion im Konzertsaal aufführen?

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Ja, sicher. Die Johannespassion ist ursprünglich Gottesdienstmusik. Allerdings wird sie im Gottesdienst aus verschiedenen Gründen so gut wie nie mehr aufgeführt. Dass diese Musik uns bis heute überliefert ist, dass haben wir der Entwicklung des bürgerlichen Konzertwesens zu verdanken. Ganz besonders Felix Mendelssohn hat sich mit der Wiederaufführung der Matthäuspassion unschätzbare Verdienste um die geistliche Musik erworben. Diese Wiederaufführung geschah durch einen Konzertchor. Zu einer Zeit, als der Gottesdienst im Zuge der Aufklärung in ein einseitig rationalistisch-verkopftes, flaches Fahrwasser geraten ist (aus dem er bis heute noch nicht ganz „freigeschleppt“ wurde). Und nach dem Vorbild der damaligen bürgerlichen Musizierverenigungen (allen voran die Berliner Singakademie aber nicht zuletzt auch „meine“ Altonaer Singakademie von 1853) sind heutige Kirchenchöre überhaupt gestaltet. Und diese bürgerlichen Kantoreien (an die Stelle von professionellen Kathedralchören und Lateinschulchören wie die Thomaner tretend) führen diese Musik heute auch im Rahmen von bürgerlichen Unternehmerkonzerten auf. Es ist zumindest genau so diskussionswürdig, den Gottesdienstraum zum Konzertsaal zu machen wie eine Gottesdienstmusik im echten Konzertsaal aufzuführen. Ein Kirchenraum kann ein besonders geistlicher Konzertraum sein. Aber es ist auch ein Erlebnis, einen Saal mit der Aura wie die Hamburger Laeiszhalle im besten Sinne zum „Oratorium“, zum Betsaal zu machen. Die Kirchenmusik hat sich seit Bachs Zeiten vom Gottesdienst teilweise emanzipiert. Ich freue mich, dass damit eine weitere Möglichkeit besteht, die Welt geistlich zu gestalten.

 

Kann in Kirchenkonzerten nicht auch „mal was anderes“ erklingen als nur Kirchenmusik?

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Tja – sicher……das Frühlingskonzert als bunter musikalischer Blumenstrauß, der Chansonabend mit der Sängerin, mit der ein Gemeindemitglied befreundet ist, das Konzert für die Liebhaber eher schräger Musik – „mal was anderes“, das verspricht Erfrischung und mal ein wenig Leben in der Bude. Dagegen ist nichts zu sagen. Nur habe ich den Eindruck, das unsere Kirche seit den 70ern sehr oft „mal was anderes“ gemacht hat. Mich interessiert mittlerweile eher die Fragestellung: Was macht unsere Kirche eigentlich, wenn sie mal nicht „mal was anderes“ macht? Was würde sie machen, wenn sie auch in ihrem kulturellen Handeln ganz aus ihrer Mitte und ihrem Wesen schöpfen würde? Wenn sie ganz bei sich wäre? Ich meine durchaus, dass der Kulturbereich dazu da ist, den Auftrag der Kirche weit zu interpretieren. Es gibt Gotteserfahrungen, die im strengen Format des Gottesdienstes so nicht zu machen sind. Die alte Tante Kirche darf in Konzerten ruhig mal flanieren gehen und den Finger an den Puls der Zeit legen. Das Band zum gottesdienstlichen Kernauftrag darf dabei gespannt sein. Es sollte aber niemals reißen. Ich kann mir kein Konzert vorstellen, das auf ein inneres geistliches Programm verzichtet. Und dieses Programm sollte auch erkennbar sein.

 

Musst Du immer so einen hohen Anspruch stellen? Schließlich bin ich in meiner Freizeit hier und will kein Profi werden…

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Das Freizeit- und Bin-doch-kein-Profi-Argument kenne ich, seitdem ich mich in Chören bewege, wohl jeder Chorleiter hat es schon mal gehört. Mich überzeugt es nicht. Menschen verbringen ihre Freizeit auf sehr unterschiedliche Weise. Einige setzten sich mit einer Flasche Bier aufs Sofa (ich manchmal auch), andere bereiten sich mit Lektüre auf eine Studienreise vor, wieder andere trainieren unter größter Anstrengung für den Zieleinlauf bei einem Marathon.
Ich akzeptiere alle Arten der Freizeitgestaltung, aber mein Angebot als Chorleiter richtet sich klar an den Typus der Studienreisenden und der Marathonläufer. An Menschen, die aktive Erholung suchen und sich fordern lassen wollen, um in ihrer Freizeit ein Stück über sich und ihren Alltag hinauszuwachsen. Die ihre Energie und Eigenverantwortlichkeit einbringen wollen anstatt sich versorgen zu lassen. Die bereit sind, im Sinne eines guten Ergebnisses auch Durststrecken und Frustmomente mitzutragen. Diese Grundeinstellung ist unabhängig von der Frage des sängerischen Niveaus, auf dem man sich bewegt. Auch ein Marathonläufer kann einen Lauf in 3 oder 6 Stunden beenden. er hat im Rahmen seiner Möglichkeiten alles gegeben.Meine Chorproben sind keine Wellnessveranstaltungen sondern Orte, wo in gemeinsamer Anstrengung um jeden Millimeter Schönheit gerungen wird. Das ist nicht nur mein „Ding“. Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der nicht einen reiner gesungenen Akkord einem schieferen vorziehen würde.
Oder ein anderes Beispiel: Ich selbst bin ein höchst mittelmäßiger Freizeitreiter. Dennoch habe ich mich für ein Hobby entschieden, bei dem ich Verantwortung übernommen habe. Mein Pferd braucht verträgliche Bewegungen meines Körpers und klare Signale. Beides muss ich mir hart erarbeiten. Und so manches Mal muss ich im Winter in der Dunkelheit morgens in einen kalten Stall gehen, wenn ich lieber weiterschlafen möchte. Eine anspruchsvolle und oft anstrengende Freizeitgestaltung. Und die Profi -Perspektive besteht nicht mal theoretisch. Es gibt nichts Schöneres……

 

Kann man viele der alten Lieder überhaupt heute noch singen?

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Ja, das kann man und das sollte man auch tun. Wobei ich unbedingt der Meinung bin, dass eine neue Zeit auch neue Lieder finden muss. Allerdings habe ich nicht den Eindruck, dass das Verfassen von neuen geistlichen Liedern schon zu ganz großen Lösungen in großer Zahl geführt hat. Für einige alte Lieder spricht m.E. dreierlei: Sie sind erstens oft aus existentiellen (Not-) Situationen heraus gewachsen (Reformation, dreißigjähriger Krieg) – vielen neuen geistlichen Liedern fehlt dieser existentielle Tiefgang. Einige ihrer Schöpfer waren zweitens große Sprachgestalter, allen voran Martin Luther und Paul Gerhardt – kaum ein neues Lied stammt von einem großen Gegenwartsliteraten. Und drittens hat die lange Zeit ihrer Überlieferung ermöglicht, dass sie sich über Generationen in das kollektive Bewusstsein eingraben konnten – demgegenüber wirken viele neue Lieder auch nach Jahren oft noch ein wenig wie aus der Retorte.
Problematisch an den alten Liedern ist oft ihre fremde sprachliche Gestalt. Und sie enthalten auch oft theologische Zungenschläge, die heute nicht mehr vermittelbar sind. Diese Differenz halte ich aber für überbrückbar. Meine Kinder- und Jugendchöre singen alte Lieder mit Begeisterung. Sie erleben sie oft als fremd und benennen das auch, aber sie sehen in dieser Fremdheit nichts Bedrohliches (im Gegenteil, die fremdartige Mystik von „Es kommt ein Schiff geladen“ ist für sie genau so faszinierend wie die Zauberwelt von Harry Potter). Sie finden nicht, dass sie alles verstehen müssen. Sie erleben intuitiv, dass ein Lied kein mit Tönen bemantelter Text ist, sondern ein großes Ganzes. Schwerer hat es da die Generation darüber, die noch mit dem Auftrag großgeworden ist, alles kritisch zu hinterfragen. Schade.

 

Darf man in Kirchenchören für Erwachsene und Kinder eine Leistungsdifferenzierung vornehmen?

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Ja klar. Singen ist eine Kulturtechnik, die man unterschiedlich gut beherrschen kann – und nicht die Pforte zum Himmelreich, an der sich Erlösung oder Verdammnis entscheiden. Singen geschieht in den Bedingungen unserer Gegenwartsgesellschaft. Wenn sagen wir mal Joachim Löw einem Fußballspieler heute sagen würde, dass seine Fähigkeiten für Teutonia 05 Altona ausreichen (wo guter Fußball gespielt wird) allerdings nicht für den HSV – dann wäre wohl kaum jemand unglücklich darüber. Er würde bei Teutonia spielen und sich begeistert eine Karte für den HSV kaufen. Oder St. Pauli – auch egal. Ich habe es immer wieder erlebt, dass vergleichbare Vorgänge in Bezug auf den Chorgesang geradezu zu Kränkungen und Gefühlen von grundsätzlicher Abwertung führen.
Ich halte das nicht für gesund. Ich denke, wir sollten auch in Bezug auf das Singen ein entspanntes und produktives Verhältnis zur Leistung pflegen. Leistung ist kein Weg zu Gott. Muss sie auch nicht, denn Gottes annehmende Liebe hat uns längst von diesem Missverständnis befreit. Dennoch leben wir Menschen und lebt die Kirche auch von Leistungen. Nach einer schlechten Predigt ist das jedem klar. Aber man stelle sich als Kulturschaffender mal vor, die Sixtinische Kapelle wäre statt mit dem berühmten Bild von Michelangelo bemalt zu werden mit Wasserfarbbildern aus der Vatikan-Kita beklebt worden. Oder Bach hätte auf das Komponieren seiner zu schweren Passionen verzichtet und stattdessen allsamstägllich niedrigschwelliges offenes Singen veranstaltet. Keine schöne Vorstellung, oder? Zumindest würde es für unser menschliches Glaubensleben heute etwas bedeuten.
Zudem: Wenn Chöre leistungsmäßig zu sehr auseinanderdriften, dann entsteht in der Regel Unzufriedenheit durch Überforderung der einen und Unterforderung der anderen. Ich habe darum drei Erwachsenenchöre mit drei unterschiedlichen Einstiegsanforderungen. Im Bereich der Kinder- und Jugendchöre nehme ich allerdings keine Auslese (gewissermaßen ein „Casting“) vor. Hier lernen Kinder mit unterschiedlichen Begabungen und Entwicklungsgeschwindigkeiten gemeinsam – Auswahlkriterium ist alleine ihre Motivation und Arbeitshaltung. Allerdings achte ich gründlich darauf, ab der 5. Klasse besonders begabte Kinder auch besonders zu fördern, insbesondere durch projektweise Teilnahme an Konzerten von Altonaer Singakademie und Motettenchor.

 

Ist die Ausbildung für Kirchenmusiker eigentlich zeitgemäß?

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Nein, ist sie nicht. Die Musikhochschulen nehmen in das erste Semester im Wesentlichen vor-ausgebildete Konzertorganisten auf. Gesang, kommunikative Kompetenzen oder stilistische Vielfalt spielen bei der Aufnahmeprüfung fast keine Rolle. Im Verlaufe des Studiums wird das verstärkt – und zusätzlich wird den Studenten das Dirigieren von Oratorien beigebracht. Damit sind die Schwerpunkte beschrieben.
Beides sind wichtige Grundsäulen unserer Arbeit – keine Frage. Aber Kirchenmusik muss im 21. Jahrhundert mehr leisten können. Die Berufsbezeichnung „Kantor“ weist auf einen Sängerberuf wie in der jüdischen Synagoge hin. Die wenigsten christlichen Kantoren sind Sänger – zumindest mit der Leidenschaft und dem Ausbildungsstand, die sie als Organisten haben. Dabei sind wir eine singende Kirche, keine orgelspielende (auch wenn ich selber mich aus Liebe zu diesem Instrument ursprünglich habe zum Konzertorganisten ausbilden lassen). Und weiter gefragt: Wo bleibt nicht nur das musikalische Charisma von Sängern, sondern das von Jazzmusikern, Komponisten und Liedermachern? Wo bleibt die Kompetenz und Leidenschaft gut ausgebildeter Musikpädagogen? Dieses Fach findet im Studiengang Kirchenmusik nicht statt – daran ändern auch ein paar Blockseminare bei einer brillanten Koryphäe wie Gerd-Peter Münden nichts.
Dass da etwas fehlt, das merkt man unserer Kirche an. Ganz zu schweigen von den Fähigkeiten, die ich als Kantor täglich am meisten brauche: Zeitmanagement, Konfliktbewältigung, Kommunikation, Büroorganisation, Textverarbeitung und Tabellenkalkulation. Die Ansprüche an unseren Beruf haben sich verändert und verschärft. Dieses Phänomen teilen wir mit fast allen Berufen. Die Ausbildung von Kirchenmusikern gleicht aber immer noch einer Insel der Seligen. Zum Glück hat die Nordelbische Kirche in Hans-Jürgen Wulf einen hervorragenden Landeskirchenmusikdirektor, der – aus der Tradition kommend und fest in ihr verankert – diese Fragen offen und oft genug mutig bewegt.