Dreifaltig

“Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit”. Diese alten Worte erklingen am Ende eines jeden Psalms. Sie sind meine Anstiftung als Kantor.

 

Kirchenmusik braucht eine theologische Begründung. Und die ist nicht einfach. Jesus Christus hat uns viel gesagt. Er hat uns angeleitet Menschen zu taufen und im Abendmahl immer wieder seine Gegenwart zu feiern. Er hat nirgendwo gesagt, dass wir gregorianisch singen oder ein Weihnachtsoratorium einstudieren sollen. Das macht nichts. Aber es macht es eben nicht einfach.

 

Meine theologische Grundlegung von Kirchenmusik kommt aus der Trinitätslehre, also aus der Erkenntnis, dass wir Gott auf drei Arten in persönlicher Weise erleben: Als Gott über uns (Vater), als Gott an unserer Seite (Sohn) und als Gott in uns (Heiliger Geist). Diese drei Erlebensweisen klingen durch in den drei Weisen, in denen ich Kirchenmusik betreibe.

 

Gottesdienst – Singen für Gott, den Vater

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Im Gottesdienst wende ich mich besonders an den Schöpfergott. Natürlich gedenken wir dort auch der Gemeinschaft mit Jesus und können hoffentlich das Wirken des Heiligen Geistes in uns spüren. Für beide gibt es auch wunderbare Lieder. Dennoch: Unsere Kirchen sind allesamt in Richtung der aufgehenden Sonne ausgerichtet. Unsere Psalmen kennen wie alle alttestamentlichen Lesungen nur den Gott der ersten Person. Und wir wenden uns auch in neutestamentlicher Perspektive allsonntäglich an den “Vater unser” (den man sich natürlich mindestens genau so gut als “Mutter unser” vorstellen kann). Musizieren im Gottesdienst ist Kontaktaufnahme mit diesem Urgrund. Das Singen als Kantor oder als Kantorei ist Singen vor diesem Gott, von diesem Gott und für diesen Gott. Und für die Gemeinde ist das Singen die (meistens einzige) Gelegenheit, aktiv am Gottesdienst teilzunehmen und sich unmittelbar an den Schöpfergott zu wenden.

 

Bildung – Singen bei Gott, dem Sohn

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In Bildung und Aus-Bildung erfahre ich Gott insbesondere im Menschen, es ist die Erlebensweise des Gottes- und Menschensohns. Natürlich wenden wir uns auch hier oft an den Schöpfer-Urgrund vor und über uns – und spüren auch hier in uns den Heiligen Geist. Dennoch steht das Erscheinen Gottes im Menschen als seinem Ebenbild hier im Mittelpunkt. Lange vor PISA war Bildung darum ein zentrales Feld für kirchliches Handeln. Bereits der Begriff gründet sich auf die „Imago dei“-Lehre des Apostels Paulus. Bildung meint von hier ausgehend einen Vorgang, bei dem sich der Mensch zunehmend als Ebenbild Gottes, in anderer Übersetzung als „Statue Gottes“ erfährt. Auch hier kommt dem Singen eine besondere Rolle zu. Denn Singen ist Bildung von Körper, Geist und Seele. Die Aktivierung des Körpers, das Eintauchen in die ästhetische Sprache von Musikwerken, die Auseinandersetzung mit vertonten Texten ermöglichen einen ganzheitlichen Zugang zu spirituellen Inhalten.

 

Kultur – Singen durch Gott, den Heiligen Geist

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Natürlich ist der Gottesdienst einer Gemeinde stark durch seine jeweilige Kultur geprägt. Und natürlich entscheidet unser heutiges Bildungshandeln über die Kirchen-Kultur von morgen. Ich meine mit diesem Begriff aber im engeren Sinne den Bereich, in dem sich die Kirche gerade auch in nicht-gottesdienstlichen Veranstaltungen dem Wirken des Heiligen Geistes hingibt. Das kann in Aufführungen großer Partituren der Vergangenheit bestehen. Aber gerade hier darf die Kirche auch mal experimentieren, spinnen und ganz gelegentlich auch daneben liegen. In der Kirche sind einst die Grundlagen der abendländischen Musik-Kultur entstanden. Mittlerweile spielt sie selbst als kulturschaffende und -überliefernde Institution eher eine nachrangige Rolle. Museen, Pop-Konzerte und Kinos haben nicht nur die Führung im Kulturbetrieb übernommen, sondern bedienen gleichzeitig noch religiöse Bedürfnisse. Hier gilt es zunächst einmal, alte Herrlichkeit loszulassen und die gottesdienstliche Grundlage neu zu stärken. Dennoch braucht die Kirche kulturelle Orte und Projekte. In der Begegnung ihrer traditionellen Kultur mit der Gegenwartskultur legt sie gewissermaßen ihren Finger an den Puls der Zeit. Sie wendet sich, von ihrer geistlichen Gestalt ausgehend in allen Fasern der Welt zu. Sie kann hierin das Wirken des heiligen Geistes spüren und sich gegen museale Ermüdungen lebendig halten. Gerade im kulturellen Handeln erfährt sich die Kirche als nicht von dieser, wohl aber in dieser Welt. Das Kloster begibt sich gewissermaßen auf den Marktplatz.